"Was hätten wir gemeinsam erreichen können!"

LGheute im Gespräch mit Curt H. Pomp, Vorsitzender des Arbeitskreises Lüneburger Altstadt (ALA)

Hansestadt, 02.05.2012 - Sie ist nach dem Salz der wichtigste Schatz der Stadt - die Lüneburger Altstadt. Doch ohne ihn wären große Teile davon vermutlich für immer verloren. Der Wahl-Lüneburger Curt H. Pomp hat sich wie wohl kein Zweiter für den Erhalt der wertvollen historischen Bausubstanz der Hansestadt eingesetzt. Ihm hat es neben manchem Zwist mit Stadtoberen das Bundesverdienstkreuz, vor allem aber die Anerkennung vieler Lüneburger eingebracht.

Im Gespräch mit LGheute übt er gewohnt deutliche Kritik am Umgang mit dem wertvollen Erbe der Stadt.

 

LGheute: Herr Pomp, Sie sind 1969 nach Lüneburg gekommen, haben den ALA gegründet, die Lüneburger Altstadt vor dem Abriss gerettet und dafür das Bundesverdienstkreuz erhalten. Jetzt sind Sie 78, aber noch immer erheben Sie Ihre Stimme. Warum?

Curt H. Pomp: Ich war auch schon früher da und hatte Lüneburg noch völlig erhalten gesehen. Während meines Studiums in Hamburg kam ich immer wieder und musste sehen, wie die Stadt zerstört wurde. Das gab den Ausschlag, hier etwas gegen die unglaubliche Unwissenheit und Überheblichkeit in Rat und Verwaltung zu tun und mich schließlich hier anzusiedeln. Noch heute wissen die Leute im Rat - mit wenigen Ausnahmen - offenbar nicht, für welch kostbare Stadt sie Verantwortung tragen. Man hat das schlimme Gefühl, hier haben vor allem Investoren und ein Oberbürgermeister die Gesamtplanung an sich gezogen.

 

LGheute: Der ALA, dessen Vorsitzender und "Gesicht" Sie sind, setzt sich nicht nur gegen eine Politik der Abrissbirne ein, sondern hat bis heute selber auch zahlreiche wertvolle Objekte in Lüneburg mit hohem finanziellen Aufwand  vor dem Untergang bewahrt, unter anderem den Alten Kran, eines der bekanntesten Lüneburger Wahrzeichen. Ist es nicht Aufgabe der Stadt, ihre Wahrzeichen zu erhalten?

Curt H. Pomp: Hier muss man zwei Dinge trennen. Da es in Lüneburg kaum Architekten gab, die sich mit Hingabe der Rettung alter Bausubstanz gewidmet hätten, gründeten wir ein eigenes Planungsbüro, das eine große Zahl von Baudenkmalen restaurieren und damit retten konnte. Das war das Planungsbüro ARB, das viele Auszeichnungen in Lüneburg und anderswo für seine Arbeiten erhielt. Der Verein Lüneburger Altstadt, ALA , aus dessen Mitgliedern das Planungsbüro erwachsen war, konnte durch seine ehrenamtlichen Aktivitäten Einnahmen erzielen, mit denen beispielsweise der Alte Kran, der alte Speicher Am Iflock und vieles andere finanziert werden konnten. Auch am Bau des Salz-Ewers und Prahms waren wir durch Zuschüsse beteiligt.

 

Der Alte Kran war durch mangelnde Pflege und falsche Behandlung so geschädigt, dass ihn der nächste Sturm umgeworfen hätte, wenn der ALA nicht eingegriffen hätte. Die Stadt ist ihren Verpflichtungen nicht nachgekommen, also haben wir ihn mit 90.000 Euro restauriert und funktionsfähig gemacht. Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz hatte weitere 30.000 Euro dazugegeben.

 

LGheute: Dennoch: Man hat ja schon fast den Eindruck, dass die Stadt beim Erhalt ihrer historischen Schätze sich immer mehr auf bürgerliches Engagement und den ALA verlässt und ihre eigenen Mittel lieber in Neubauten steckt. Das kann doch nicht in Ihrem Interesse sein.

 

Curt H. Pomp: Das ist tatsächlich so, die Stadt hat ja sogar die immer schon kärglichen Mittel für die Stadtbildpflege abgeschafft. Früher gab es sogar Bauauszeichnungen, die wurden nicht mehr vergeben, seit der ALA die meisten für seine Restaurierungen erhielt. Man wollte die Erfolge des ALA nicht noch forcieren. Es ist nicht gut, wenn eine Partei, die für eine alte Stadt kein Gefühl zu entwickeln vermag, zu lange regiert. Die Schäden sind bald nicht mehr zu heilen. Leider stehen die anderen Parteien nicht viel besser da. Es fehlen Politiker mit feinem Gespür und Weitblick. Darum brauchen wir wohl schnellstens eine neue wählbare Kulturplattform.

 

LGheute: Als wiedergeborene Hansestadt richtet Lüneburg im Juni den Internationalen Hansetag aus. Mehr als 100 Hansestädte haben ihr Kommen bereits angekündigt. Was erhoffen Sie sich von dem Großereignis, zu dem rund 200 Tausend Besucher erwartet werden?

 

Curt H. Pomp: Weil man im internationalen Vergleich die peinlichen, weil geschichtsfernen Sülfmeistertage offenbar nicht fortführen möchte, bestreitet der ALA in bekannter Qualität seine 'Alte Handwerkerstraße' in etwas vergrößerter Form. Außerdem sind wir am Kran und am Hafen aktiv. Wir werden die Gäste auf unsere Art über Lüneburg informieren.

 

LGheute: Der ALA selbst ist nicht nur mit seinem Handwerkermarkt auf dem Hansetag vertreten, der Verein hat auch Zwanzigtausend Euro für die Ausbaggerung des alten Hafens gespendet, damit dieser während des Hansetags wieder von Traditionsseglern angesteuert werden kann. Nun heißt es, dass womöglich gar keine Schiffe kommen, weil die Schleuse in Wittorf  marode und deshalb gesperrt ist. Was sagen Sie als Spender dazu?

 

Curt H. Pomp: Das ist ärgerlich, zumal die Schleuse erst vor wenigen Jahren unter Einsatz großer Mittel repariert wurde. Wir warten ab, was der Protest bringt. Die Ausbaggerung hätte in jedem Fall sein müssen, denn die brauchen wir für unsere Schiffe auch. Unsere Fahrgastroute hätte zunächst sowieso nur bis zur Schleuse gereicht.

 

LGheute: Und was passiert nach dem Hansetag und der allmählich wieder einsetzenden Versandung des Hafens? Wäre das Geld nicht woanders besser angelegt?

 

Curt H. Pomp: So schnell versandet der Hafen nicht, das habe ich über viele Jahre beobachtet.

 

LGheute: Nach dem Hansestadt-Titel strebt die Stadt jetzt auch den UNESCO-Weltkulturerbe-Status an. Für wie aussichtsreich halten Sie das Vorhaben? Schließlich steckt hinter den vielen gut erhaltenen Bürgerhaus-Giebeln oft nur noch eine Totalentkernung.

 

Curt H. Pomp: Früher war ich nicht dafür, die Stadt für ihre miserable Denkmalpolitik auch noch zu belohnen. Heute denke ich mir, es könnte nicht schaden, denn damit könnte die Stadt nicht mehr so verschandelt werden wie bisher. Einem Verlust des Welterbes würde man sich wohl lieber nicht aussetzen.

 

LGheute: Ein Thema, das die Stadt seit Wochen beschäftigt, sind ihre Denkmale. Sie setzen sich für den Erhalt der Objekte ein. Warum brauchen wir Denkmale?

Curt H. Pomp: Denkmale sind, wie der Name es sagt, Zeichen für eine Zeitspanne, die man bedenken sollte. Wer sie abräumen möchte, könnte trotzdem nicht die Zeit zurückdrehen, und wenn diese Zeiten schlecht waren, sollte man daraus Lehren ziehen, aber nicht das Denkmal beseitigen. Aber wenn gar ein Kommunalpolitiker Geschichte aus Absicht oder Unkenntnis verdreht, um ein paar Kosten zu sparen, dann sollte man die Dinge im Blick behalten.

 

LGheute: Herr Pomp, Sie haben für die Stadt Lüneburg viel getan und erreicht. Was war für Sie persönlich Ihr bisher größter Erfolg?

 

Curt H. Pomp: Wenn ich durch die Stadt gehe und in vielen Straßen meine Spuren sehe - denn auch viele Details wie gut proportionierte Fenster sind ja häufig auf meinem Reißbrett entstanden und weitergegeben worden - oder die Straßenlaternen und vieles andere, dann freue ich mich schon. Eine gute Sache war sicher die Verhinderung der Tiefgarage unter dem Marktplatz in den 70er Jahren, die wir gemeinsam mit anderen Vereinen und Initiativen erreicht haben.

 

LGheute: Und was bedauern Sie am meisten?

Curt H. Pomp: Dass in all den Jahren in dieser Stadt nur eine sehr kleine Gruppe von Ratsmitgliedern den hohen Wert dieser Stadt begriffen hat. Was hätten wir gemeinsam mit kulturell engagierten Politikern erreichen können!

 

LGheute: Unsere letzte Frage: Wo möchten Sie heute in einem Jahr stehen?

Curt H. Pomp: Das weiß ich nicht, aber vielleicht in dieser anderen 1000-jährigen Hansestadt an der Elbe, in der ich gegen den demographischen Wandel ankämpfe mit den Erfahrungen, die ich auch in Lüneburg gesammelt habe. Die ersten Erfolge sind schon spürbar.

 

LGheute: Wir kommen darauf zurück und danken für das Gespräch.

Kommentare  

0 # Dr. Friedrich W. Poh 2013-04-03 10:36
Die Rede ist von einer Partei, die die Stadt in langer Regierungszeit versaut hat. Um welche Partei handelt es sich? Das wüßte ich als Leser gern. Obwohl ich ahne, daß es sich um eine sozialistische Randgruppe handelt.
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+1 # Kamila Pienkos 2013-04-03 20:39
Sehr geehrter Herr Poh,
von einer "Ahnung" kann ja kaum die Rede sein. Niemand braucht es mehr direkt auszusprechen, denn jeder weiß es.
"Man hat das schlimme Gefühl, hier haben vor allem Investoren und ein Oberbürgermeister die Gesamtplanung an sich gezogen" sagt es doch sogar ganz frei und offensichtlich. So viele Oberbürgermeister haben wir in Lüneburg ja nicht.
Und eine "Randgruppe" ist es lange nicht, wenn sie an der Spitze von Allem steht. "Oben" in der Politik, "oben" in der Verwaltung. Von sozialistisch kann auch kaum die Rede sein. Immerhin sind Werte ja veränderbar und die Partei des Oberbürgermeisters hätte ebenso gut auch die CDU sein können; wie er beides mal selbst gesagt hat. Also brauchen wir auch garnicht denken, unsere SPD hier wäre irgendwie sozialistisch, dazu bedürfe es 1. sozialistische Werte. Und die sind eigentlich recht klar; und ebenso recht klar - wie ich finde - nicht vorhanden. 2. bräuchten wir eine SPD, in der jedes Mitglied eigenständig denken und agieren kann und darf. Und das ist doch nun bitte auch offensichtlich nicht vorhanden. Da hat die CDU ja mehr Querdenker und Rückräder... irgendwie verrückt. Also, was ich sagen will: Fühlen Sie sich in Ihrer Ahnung ruhig gestützt. Gewissheit tut uns allen ganz gut. ;)
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