Michèl Pauly weist auf gravierende Widersprüche bei Auszählungen in Bleckede und Lüneburg hin – AfD legt Widerspruch ein
Lüneburg, 03.10.2026 - Erst wird gewählt, dann gezählt und schließlich das Ergebnis bekanntgegeben, und zwar auf die Stimme genau. So läuft es bei jeder Wahl, so auch bei der jüngsten Kommunalwahl. Doch so exakt, wie das Ergebnis anmutet, ist es nicht. Denn wo gezählt wird, werden Fehler gemacht, vor allem bei Kommunalwahlen, bei denen jeder Wähler drei Stimmen abgeben darf. Das ist meist kein Problem, es sei denn, es gibt Auffälligkeiten. Genau solche hat der Lüneburger Volt-Politiker Michèl Pauly jetzt in Lüneburg und Bleckede ausgemacht. Und die AfD hat bereits Widerspruch gegen das Wahlergebnis eingelegt.
"Wir reden über wahrscheinlich 1.000 Stimmen plus-minus 300, die, ausgehend von statistischen Verteilungen, real auf Wahlzetteln abgegeben wurden, aber nicht im Ergebnis auftauchen", sagt Michèl Pauly und beschreibt damit eine Situation, die dem Landkreis Lüneburg noch auf die Füße fallen könnte. Denn bei der jüngsten Kreistagswahl gibt es in mindestens vier Wahllokalen Abweichungen, die deutlich jenseits der statistisch erwartbaren Fehlerquote liegen.
◼︎ Die kritische Größe 2,96
Diese statistisch ermittelte Größe, man spricht hier auch vom "Ausschöpfungsgrad", liegt bei dem Wert 2,96. Er ergibt sich daraus, dass bei den Kommunalwahlen jeder Wahlberechtigte drei Stimmen hat statt einer wie sonst bei Wahlen üblich. Würde bei der Auszählung der Stimmen alles korrekt verlaufen und hätte jeder Wähler auch seine sämtlichen drei Stimmen abgegeben, läge der Wert bei exakt 3. Doch Zähl- und Übertragungsfehler schließen dies nahezu aus. Eine Korrektur durch Neuauszählung erfolgt in der Regel nicht, da bei dieser Größenordnung Mandats-Verschiebungen eher nicht zu erwarten sind.
Bei drei Wahllokalen in Lüneburg aber hat Pauly bei den Wahlen zum Kreistag erhebliche Abweichungen von der Fehler-Norm oder dem "Ausschöpfungsgrad", wie er fachlich korrekt heißt, festgestellt. So liegt der Ausschöpfungsgrad Im Wahllokal 209 (Stadtteilhaus ELM) nur 2,800, im Wahllokal 210 (Vereinsheim PHV) bei 2,711 und im Wahllokal 108 (Kreideberg) bei 2,683. Noch gravierender ist das Ergebnis im Wahllokal 2 (Pfarramt Bleckede) in Bleckede. Dort beträgt der Wert nur 2,271.
◼︎ KI hat die Auffälligkeiten sichtbar gemacht
Aufmerksam auf die starken Abweichungen wurde Pauly durch Felix Ostmann, der bei der Kommunalwahl in Ostercappeln im Landkreis Osnabrück kandidierte. Weil ihm sein Stimmenergebnis zu niedrig erschien, führte er eine KI-gestützte Prüfung des Wahlergebnisses durch und wurde Fehler-fündig, das Wahlergebnis musste korrigiert werden. Bei einer weiteren KI-Überprüfung der Ergebnisse in ganz Niedersachsen stieß der Ostercappelner zudem auf weitere Abweichungen, unter anderem im Landkreis Lüneburg, und informierte jeweils die dortigen Parteien. Pauly, der für die "Volt"-Partei in den neuen Kreistag einzieht, nahm sich daraufhin die den Landkreis Lüneburg betreffenden Wahlergebnisse im Detail vor und stellte vor allem bei den vier genannten Wahllokalen erhebliche Abweichungen fest.
Pauly vergleicht die Wahrscheinlichkeit, dass der Ausschöpfungsrad bei 2,8 oder darunter liegt, weil Wähler bewusst weniger Stimmen abgegeben haben als sie durften, mit einem Sechser im Lotto. Nochmals deutlich unwahrscheinlicher wäre ein Wert von 2,271 wie in Bleckede. Hier müsse deshalb davon ausgegangen werden, dass falsch gezählt wurde, so Pauly.
Allein im Wahllokal 2 in Bleckede sind nach Berechnungen von Pauly 285 Stimmen nicht gewertet worden, in den drei genannten Lüneburger Wahllokalen geht er von etwa jeweils 100 Stimmen aus, die unter den Tisch fielen – mit erheblichen Folgen: Denn der AfD fehlen laut amtlichem Endergebnis für die Kreistagswahl 14 Stimmen, um einem zusätzlichen Mandat in den Kreistag einzuziehen. "Materiell will ich nicht, dass die AfD noch stärker wird, denn ich halte sie für eine Gefahr in vielerlei Hinsicht. Dennoch liegt es nahe, dass das reale Wahlergebnis dieses Mandat verschieben würde", so Pauly.
◼︎ Kreiswahlleitung sieht keinen Grund zu Korrektur
Der Kreiswahlleitung des Landkreises Lüneburg sind die auffälligen Werte bekannt. Zu einer Neuauszählung der Stimmen aber sieht der Landkreis keinen Anlass. Auf Anfrage von LGheute teilt Pressesprecher Karsten Schulz mit: "Über alle 289 Wahlbezirke hinweg lag der Ausschöpfungsgrad mit 2,96 im absoluten Regelbereich einer derartigen Wahl und höher als bei der Kreiswahl 2021 (2,95). Die statistischen Ausreißer sind der Kreiswahlleitung bekannt, ohne dass hierbei Unregelmäßigkeiten erkennbar wären, die eine Neuauszählung rechtfertigen würden." Auch habe die Kreiswahlleitung die Protokolle aller Wahlbezirke nochmals detailliert auf Vollständigkeit und Plausibilität kontrolliert. Auf Grundlage dieser Prüfungen habe der Kreiswahlausschuss das Ergebnis am 18. September dann in öffentlicher Sitzung festgestellt, so Schulz. Im Übrigen habe es allen Bürgern freigestanden, den ordnungsgemäßen Ablauf der Ergebnisermittlung direkt vor Ort zu begleiten.
Für Pauly ist die Begründung des Landkreises nicht stichhaltig: "Natürlich kann es theoretisch so sein, dass in Bleckede völlig zufällig 140 Menschen nur eine Stimme abgegeben haben, obwohl überall sonst nur 40 Menschen so agierten. Es ist auch möglich, einen Lottoschein auf der Straße zu finden mit sechs Richtigen, sich ein Telefonbuch zu schnappen, irgendeine Nummer von irgendeiner Seite zu nehmen, anzurufen und zu fragen, ob die Person einen solchen Lottoschein verloren hat und durch Zufall genau diese Person zu finden. Es ist möglich. Dennoch wird es nicht so passiert sein. Weil die Wahrscheinlichkeitsrechnung dagegensteht."
Dass die "statistischen Ausreißer" der Kreiswahlleitung bekannt sind, wie Pressesprecher Schulz einräumt, könnte Folgen haben, denn Pauly sieht darin "die Schwelle zum Fehlverhalten" der Wahlleitung. Pauly: "Wenn eine durch normales Wahlverhalten unerklärliche Abweichung bei einem Wahllokal auftritt und innerhalb der NKWG-Frist (Niedersächsisches Kommunalwahlgesetz; Anm.d.Red.) von sieben Tagen der Wahlleitung bekannt ist, so ist die Wahlleitung meiner Überzeugung und Einschätzung nach gehalten, auf eigene Initiative hin eine Korrektur vorzunehmen, das heißt in dem Fall zunächst Niederschrift und dann die Wahlzettel selbst zu prüfen."
◼︎ AfD hat Widerspruch eigelegt
Weil das nicht erfolgte, hat gestern der Lüneburger AfD-Politiker Stephan Bothe Wahleinspruch eingelegt. Die Wahl sei nicht den Vorschriften entsprechend durchgeführt worden, weil in drei Wahlbezirken die Zahl der gemeldeten gültigen Stimmen je gültigem Stimmzettel deutlich unter dem Muster der übrigen Bezirke liege. Bothe bezieht sich damit wie auch Pauly auf das Ergebnis der Wahlüberprüfung durch den Ostercappelner Ostmann.
Bothe kommt auf insgesamt 502 Stimmen, die nicht in das Ergebnis eingeflossen sein sollen. Auch er weiß, dass 14 zusätzliche Stimmen für einen weiteren Sitz für die AfD reichten. Der würde laut Bothe dann zulasten der Partei "Die Unabhängigen" gehen. Ob die der AfD fehlenden Stimmen so verteilt sind, lasse sich aber nur anhand der Wahlunterlagen klären. Er beantragt daher unter anderem, die Stimmzettel nachzuzählen und gegebenenfalls die Sitzverteilung neu festzustellen.
In anderen niedersächsischen Landkreisen, die bei der KI-Überprüfung aufgefallen waren, ist man übrigens schon weiter. In zwei Dutzend Fällen kam es bereits zu Nachzählungen. Ob der Landkreis Lüneburg da jetzt auch mitzieht, hängt vom neuen Kreistag ab. "Lehnt dieser den Wahleinspruch ab, steht der Rechtsweg vor den Verwaltungsgerichten offen", so Pauly.
Der Text wurde am 03.10.2026 um 18:16 Uhr aktualisiert.



