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Aufgelesen: Flachzangen

Warum die Aufregung über eine Bemerkung von Alice Weidel unbegründet ist 

Foto: LGheute30.08.2026 - Vorweg eines: Flachzangen sind ein überaus nützliches Werkzeug, wenn es darum geht, Dinge zu greifen oder zu halten. Sie sollten in keinem ordentlichen Haushalt fehlen. Dass Flachzangen seit dem Sommer-Interview von Alice Weidel im ZDF zum politischen Schimpfwort geworden sind und vor allem in bestimmten Teilen der Politik und ihnen gleichgelagerten Medien für Entrüstung sorgen, verwundert dennoch. Daher zur Erinnerung nachfolgend einige der markantesten Beschimpfungen aus einer Zeit, als in der Politik noch mit härteren Bandagen um Aufmerksamkeit gerungen wurde. 

Der langjährige SPD-Fraktionsvorsitzende Herbert Wehner – der 1990 verstorbene Politiker hatte das Amt von 1969 bis 1983 inne – gilt mit 57 oder 58 Ordnungsrufen als der unangefochtene Spitzenreiter der parlamentarischen Schimpfkultur im Deutschen Bundestag. Seine Attacken gegen die Opposition, insbesondere gegen die CDU/CSU, waren berüchtigt für ihren scharfen Spott, kreative Wortschöpfungen und persönliche Demütigungen.

Den damaligen CSU-Vorsitzenden Franz-Josef Strauß – er hatte das Amt von 1961 bis 1988 inne – bezeichnete Wehner unter anderem als "geistigen Terrorist", weil Strauß geäußert hatte, er sehe in den Regierungsfraktionen von SPD und FDP "einen ganzen Haufen von Baader-Meinhof-Verbrechersympathisanten". Den CDU-Politiker Jürgen Todenhöfer beschimpfte Wehner in Umwandlung dessen Name als "Hodentöter" und Jürgen Wohlrabe, ebenfalls CDU-Bundestagsabgeordnter, in gleicher Weise als "Übelkrähe". Einem gegnerischen Zwischenrufer schleuderte er entgegen: "Waschen Sie sich erstmal. Sie sehen ungewaschen aus!" Die Protokolle des Bundestages verzeichnen darüber hinaus Ausdrücke wie "Dreckschleuder", "Schleimer", "Lümmel" oder "Quatschkopf", mit denen Wehner seine politischen Kontrahenten regelmäßig überzog. 

◼︎ "Gschwerl"

Franz-Josef Strauß stand Wehner in nichts nach, den er auch gern direkt anging. Mit der Bemerkung "Die These: 'Der Geist steht links!' ist nichts anderes als die permanente Wiederholung einer Dummheit!" leitete Strauß 1965 ein hitziges Wortgefecht mit Wehner im Bundestag ein.

Gern verwendete Strauß drastische Metaphern, wenn er politische Gegner attackierte. Begriffe wie "warme Brüder" und "rote Ratten" ebenso wie abwertende bayerische Ausdrücke wie "Gschwerl", was "Gesindel" oder "Pack" bedeutet, gehörten zu seinem Repertoire. "Schnauze, Iwan!" rief er 1951 im Bundestag dem Abgeordneten Heinz Renner von der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) entgegen. Bei einer Wahlkampfveranstaltung 1979 in Essen beschimpfte Strauß linke Demonstranten als "die besten Nazis, die es je gegeben hat". 

Der Demokratie in Deutschland haben Ausrufe und Debatten wie diese jedenfalls keinen Schaden zugefügt. Im Gegenteil: Sie machten stets deutlich, wo der politische Gegner eingeordnet wurde und anzugreifen war – und wie die eigenen Reihen geschlossen werden sollten. Wer sich heute ausgerechnet über "Flachzangen" aufregt, läuft eher Gefahr, selbst unter diese Kategorie zu fallen.

 

 

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