Lebendige Erinnerungen in Stiepelse

Viele Besucher kamen zum vierten Generationentreffen 

Viele lauschten den Erzählungen von Dr. Uwe Wieben im Dorfgemeinschaftshaus von Stiepelse. Foto: nghStiepelse, 04.04.2017 - Mehr als 40 Gäste waren am 26. März der Einladung des Dorfgemeinschafts-Förderungsvereins Stiepelse gefolgt, er hatte zum nunmehr vierten Generationentreffen im Dorfgemeinschaftshaus eingeladen. Im großen Kreis der Teilnehmer wurde schnell Zeitgeschichte wieder lebendig. Das diesjährige Treffen begann mit den Ausführungen von Dr. Uwe Wieben zu den Geschehnissen am Ende des Zweiten Weltkrieges in der Region.

Etliche Teilnehmer der Veranstaltung erinnerten sich noch sehr detailgetreu an das Vorrücken der 8. US-Infanteriedivision unter britischem Kommando, an den treffsicheren Beschuss des Dorfes vom westlichen Elbufer, an den Bau der Pontonbrücke bei Bleckede und an das Eintreffen der Alliierten im Ort.

Stella Maria Fehre, die Hamburg 1943 mit ihrer Mutter wegen der Bombardierung hatte verlassen müssen, erzählte mit bewegenden Worten, wie sie den Einmarsch der Amerikaner als damaliges Kind erlebte: "Sie durchsuchten das Dorf nach deutschen Soldaten, trieben die Dorfbewohner, auch die Kinder mit erhobenen Händen – das Gewehr im Rücken – vor sich her auf den Schmiedeplatz. Dort waren die versammelten Dorfbewohner von Geschützen umgeben. Ich dachte, sie würden uns allesamt erschießen und bejammerte dies leise gegenüber meiner Mutter. Sie versuchte mich flüsternd zu beschwichtigen." Die heute in Elmshorn wohnende Dame war von Teilen einer Granate getroffen worden, die ihr die Schädeldecke durchschlagen hatten. Gebannt lauschten alle Anwesenden ihren Ausführungen, aber auch denen der anderen Zeitzeugen.

So mahnte der in Haar geborene und in Neu-Garge aufgewachsene Wilhelm Kruse an, ein weiteres, äußerst wichtiges und überaus trauriges Kapitel der DDR-Geschichte nicht zu vergessen. Unter dem Titel "Die Zeitzeugen werden weniger" erinnerte er in einem von ihm verfassten Bericht an die unmenschlichen Ausweisungsaktionen der Jahre 1952 und 1961. "Stiepelse war zuerst dran. Familien mussten sich morgens vor dem Feuerwehrhaus einfinden. Hier gab es die traurige Nachricht: Raus innerhalb von 48 Stunden, mitnehmen so viel, wie in einen halben Waggon in Brahlstorf reingeht." Und wieder herrschte bedrückende und andächtige Stille.

Das anschließende Gespräch zeigte, das längst nicht alle Besucher der Veranstaltung von diesen Gräueltaten des DDR-Regimes gewusst hatten. Einer von ihnen war zum Beispiel Hans Wulfes, der 1934 geborene Sohn des Lehrers Rudolf Wulfes, der von 1890 bis 1921 in der ehemaligen Stiepelser Schule, dem heutigen Dorfgemeinschaftshaus, unterrichtet hatte. Wie auch andere Gäste hatte der aus Hildesheim angereiste Lehrersohn etliche Dokumente mitgebracht, darunter Fotos, aber auch aus der Stiepelser Zeit stammende Briefe seines Vaters an dessen Mutter. Hans Wulfes las aus diesen Briefen vor und erntete spontanen Applaus.
"Herrn Dr. Wieben, Frau Fehre, Herrn Kruse und Herrn Wulfes gilt unser aller Dank. Ein großes Dankeschön jedoch auch allen Anderen, die sich laut erinnerten und die übrigen Anwesenden daran teilhaben ließen", sagte Heidemarie Gaede nach der Veranstaltung. "Wenn Erinnern Zukunft bedeutet, dann dürfen wir Stiepelser optimistisch sein."

Diesen Optimismus strahlte sicher auch der zum Ende der Veranstaltung gezeigte Film über das heutige Dorfleben in Stiepelse aus und unterstrich die beeindruckende Vielfalt der gemeinschaftlichen Aktionen der hiesigen Bewohner. Der Kurzfilm ist auf Youtube im Internet zu finden www.youtube.com/watch?v=NlCnNSp-qUg&t=14s, oder man stattet dem idyllisch gelegenen Dorf an der Elbe einfach selbst einmal einen Besuch ab.

Ein Beitrag von Heidemarie Gaede

 

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